Gertraud Finger: Mutter und Tochter

(Badische Zeitung am 30.10.2007)

Drei Mütter unterhalten sich über ihre Töchter. Die erste Mutter sieht in ihrer Tochter ihre beste Freundin. Die zweite hatte mit ihrer Tochter immer mehr Probleme als mit ihren Söhnen. Die dritte hat eine gefügige Tochter, jedoch hat ihre Mutter immer darauf geachtet, dass ihre Kleine sich nicht "unterbuttern" lässt.

Mütter und Töchter haben eine besondere Beziehung. Sie kann sich in großer Nähe oder aber in Abgrenzungskämpfen äußern. Manche Mutter wird von dem Wunsch beherrscht, ihrer Tochter das eigene Schicksal zu ersparen. Was ist das Besondere zwischen beiden? Es ist vielleicht die Zwiespältigkeit: Weil beide sich so ähnlich sind, müssen sie ihre Unterschiedlichkeit betonen. Das kann Reibungen und Konflikte erzeugen. So steht die Tochter vor der Aufgabe, eine Frau zu werden - wie ihre Mutter - und gleichzeitig eine ganz andere Frau. Ihre Mutter muss mitansehen, wie ihre Tochter unabhängiger wird. Diese Aufgaben müssen von beiden in jedem Lebensalter neu gelöst werden.

"Mama ist die Beste!" Wenn die Mutter eine Tochter bekommt, sieht sie sich selbst in dem kleinen Mädchen. Sie fühlt sich ihr ganz nahe. Und die kleine Tochter sucht die Nähe ihrer Mutter. So wie diese möchte sie auch einmal werden, so groß, so schön und so weiblich. Sie probiert vor dem Spiegel Mutters Lippenstift aus, balanciert auf Stöckelschuhen durch die Wohnung und verwandelt sich mit Mutters Kleidern in eine Prinzessin.

"Ich will nie so werden wie meine Mutter!" Die Tochter in der Pubertät lehnt alles ab, was von der Mutter kommt. Mit einem schnippischem "Na und?" wischt sie Mutters Bedenken weg und besteht auf ihrem eigenen Weg. Dabei weiß sie oft gar nicht, was ihr Weg ist. Sie ist verunsichtert, versteckt dies aber hinter starken Auftritten. Auch die Mutter ist verunsichert. Viele mütterliche Aufgaben sind nun nicht mehr gefragt. Manchmal fühlt sie sich überflüssig. Außerdem konfrontiert die Entwicklung ihrer Tochter sie mit ihrem eigenen Älterwerden. Plötzlich steht eine junge hübsche Frau neben ihr, die Möglichkeiten hat, von der sie selbst nicht zu träumen wagte. So kann zwischen beiden eine Rivalität entstehen, bei der jede versucht, die andere zu übertrumpfen, auch um sich von Selbstzweifeln abzulenken.

"Nun haben wir beide ein Kind." Erst wenn die Tochter selbst ein Kind bekommt, entdeckt sie, was ihre Mutter alles für sie getan hat. Das kann zu einer neuen Nähe führen und manchmal auch zu einer richtigen "Frauenfreundschaft". Eine solche Freundschaft ist nur möglich, wenn beide durch die Kämpfe in der Pubertät so gewachsen sind, dass sie sich als gleichwertige; aber unterschiedliche Menschen anerkennen. Die neu entdeckte Ähnlichkeit mit der Mutter kann die Tochter auch erschrecken. Wenn sie mit ihren Kindern schimpft, hört sie Mutters Worte aus ihrem eigenen Munde kommen. Gerade das wollte sie doch vermeiden.

"Muss ich für meine Mutter sorgen?" Wenn die Mutter älter und schwächer wird, beginnt für beide eine schwierige Zeit. Was bisher selbstverständlich war, gilt nun nicht mehr und jede verliert die andere, so wie sie sie kannte. Die Tochter muss jetzt mütterliche Aufgaben übernehmen. Sie ist nicht mehr Kind, das sich an die Mutter anlehnen kann, sondern wird zur "Mutter der Mutter". Es kommt es zu einem Rollenwechsel. Die Generationsfolge kehrt sich um. Darauf sind beide nicht vorbereitet.

Die Tochter möchte ihrer Mutter nahe sein, ihr vieles abnehmen und fürchtet gleichzeitig, von Mutters Problemen "aufgefressen zu werden." Dann kann sie ihr eigenes Leben nicht mehr so leben, wie sie es möchte. Auch die Mutter möchte ihr gewohntes Leben nicht aufgeben. Sie möchte sich nicht von ihrem Kind bevormunden lassen. Denn obwohl die Tochter jetzt für die Mutter sorgt, bleibt sie - in den Augen ihrer Mutter - immer noch das kleine Mädchen.

Die Balance zwischen Nähe und Distanz muss in jeder Entwicklungstufe neu gefunden werden. Das ist für beide nicht immer leicht. Es gelingt um so besser, wenn beide ihre Ähnlichkeit anerkennen und ihre Verschiedenheit aushalten. Außerdem sollte jede ihre eigenen Freundschaften und ihre Privatsphäre haben und etwas für sich tun. Denn wer mit seinem Leben zufrieden ist, kann sein Gegenüber mit seinen  Besonderheiten und Fehlern besser ertragen.  -  Auch der Vater kann das Verhältnis zwischen beiden entspannen. Wenn er jede in ihrer Rolle anerkennt, brauchen beide nicht mehr so aneinander zu klammern oder so miteinander zu rivalisieren.


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