Gertraud Finger:  Todesvorstellungen bei Kindern und Jugendlichen
 

In jeder Alterstufe sieht die Welt anders aus. Auch die Vorstellungen vom Tod ändern sich. Kleine Kinder sehen den Tod anders als Pubertierende und haben andere Jenseitsvorstellungen. Nur wenn wir diese kennen, können wir den Kindern angemessen begegnen.

Um die Begriffe "Sterben" und "Tod" wirklich verstehen zu können, müssen Kinder kognitiv erfassen, dass der Tod etwas ganz anderes ist als das Leben.
Die drei wichtigsten Kennzeichen des Todes sind:

- Die Allgemeingültigkeit und Unausweichbarkeit
 (Jeder Mensch muss sterben.)
- Die Endgültigkeit
 (Der Tod ist nicht rückgängig zu machen.)
- Der körperliche Zerfall
 (Alle Körperfunktionen hören auf.)

Dieses Wissen eignen sich Kinder erst im Laufe der Zeit an. Das geschieht in einem längeren Reifungsprozess der intellektuellen Fähigkeiten. Doch wie ein Kind sich den Tod vorstellt, hängt nicht nur von seinem Alter und seinem Entwicklungsstand ab, sondern auch vom Einfluss seiner Umgebung. Es ist zu fragen:

- Wird mit dem Kind über den Tod gesprochen?
- Welche Bilder, Erklärungen und Wörter für den Tod bieten die Erwachsenen einem Kind an?
- Kennt es Bilderbücher zu diesem Thema?
- Hat das Kind schon einmal einen Todesfall erlebt?
- Welches ist der kulturelle und religiöse Hintergrund seiner Familie?

Die folgenden Altersangaben sind deshalb nur grobe Richtlinien. Kinder gleichen Alters können ganz unterschiedliche Vorstellungen entwickeln.
 

Kleinkinder bis 3 Jahre

Kleinkinder haben noch keine Todesvorstellungen. Sie wissen nicht, was die Wörter "Sterben" und "Tod" bedeuten. Sie erleben aber Verluste und reagieren gefühlsmäßig mit Trauer und Verzweiflung.

Kleinkinder leben in der Gegenwart. Sie haben noch keinen Zeitbegriff. Ein Baby weiß nicht, dass die Mutter zurückkommen kann, wenn sie weggegangen ist und dass sie weiter existiert, selbst wenn es sie nicht sieht. Es glaubt, die Mutter für immer verloren zu haben. So kann eine vorübergehende Trennung das Kleinkind  untröstlich und verzweifelt zurücklassen. Sein Verhalten ist der Reaktion auf einen Tod vergleichbar.

Kleinkinder trauern auch, wenn nicht auf sie reagiert wird. Kinder brauchen den Zuspruch und die "Spiegelung" durch ihre Bezugspersonen, um sich zu entwickeln. Werden die Kontaktangebote eines Kindes nicht gesehen und nicht beantwortet, nimmt es sich immer mehr zurück, wird passiv und traurig.
 

Kindergartenkinder 3 bis 6 Jahre

Kinder dieses Alters kennen schon die Worte "Sterben" und "Tod", doch sie verbinden etwas ganz anderes damit als wir Erwachsenen. Alle oben beschriebenen Kennzeichen des Todes können sie noch nicht denken. Für sie gleicht der Tod eher dem Kranksein oder dem Schlaf, ist also noch nicht endgültig und auch nicht unausweichlich.

"Tot-sein" heißt weniger lebendig sein. Für Vorschulkinder hören mit dem Tod nicht alle Körperfunktionen auf, sie nehmen nur ab. Nach ihrer Vorstellung können Tote nicht rennen und nicht schaukeln, aber vielleicht haben sie doch Hunger oder sie frieren. Auf jeden Fall denken und fühlen sie.

Am Tag nach Allerheiligen erzählt der fünfjährige Ingo seiner Erzieherin: "Gestern waren wir auf dem Friedhof und haben dem Papa eine Kerze gebracht. Dann hat er es nicht so dunkel und auch ein bisschen warm." Nach einer kurzen nachdenklichen Pause fährt er fort: "Aber ich glaube, er friert nicht. Er hat ja einen ganz dicken Strickpullover."

"Tot-sein" ist ein vorübergehender Zustand. Vorschulkinder können nicht glauben, dass der Tod unvermeidbar ist und ewig dauert. Wenn er kommt, kann man sich verstecken oder ihn irgendwie anders überlisten.

Und wenn er tatsächlich eingetreten ist, kann er wieder rückgängig gemacht werden. So können Kinder fragen: "Wie lange dauert Tod?" und glauben, dass Menschen, die heute gestorben sind, später irgendwann wiederkommen. "Sogar nach einer Beerdigung können Kinder mit der Frage überraschen: "Wann kommt Tante Sara zurück?"" (Grollman 1991, S.36)

"Tot-sein" heißt "Fort-sein". Kinder dieser Altersstufe glauben, dass Menschen, die gestorben sind, nur fort sind und jederzeit zurückkommen können. Das zeigt sich auch in ihren Spielen. Die Freunde werden im Spiel erschossen oder überfahren, doch dann stehen sie wieder auf, und das Spiel beginnt von vorne.

Todeswünsche sind Fort-Wünsche. Wenn  die dreijährige Anna ihre Mutter anschreit: "Du sollst tot sein!", dann wünscht sie nicht wirklich, dass die Mutter stirbt, sondern nur, dass sie endlich einmal verschwindet, nichts von Anna verlangt und sie in Ruhe spielen lässt. Abends aber, wenn Anna ins Bett soll, braucht sie die Nähe der Mutter wieder, damit alles so ist wie immer und damit sie ohne Angst einschlafen kann.

Der vierjährige Jonathan sagt über seine neugeborene Schwester: "Das Baby ist blöd. Das Baby soll sterben!" Auch Jonathan wünscht nicht, dass seine Schwester stirbt. Sie soll bloß nicht alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sie soll aus dem Zentrum der Familie verschwinden und ihm seinen angestammten Platz lassen.

Wenn wir dies wissen, werden wir ein Kind, das Todeswünsche ausspricht, nicht kritisieren und auch nicht verachten, sondern uns fragen, was dahinter steckt. Jonathan zum Beispiel fühlt sich durch die Schwester verdrängt. Er fürchtet, dass die Eltern ihn seit der Geburt der Schwester nicht mehr so lieb haben wie vorher. Deshalb braucht er gerade jetzt besondere Zuwendung und Anerkennung.

Magische Vorstellungen. Kinder dieser Altersstufe möchten die Welt verstehen. Das zeigen ihre vielen "Warum-Fragen". Doch vieles können sie, auch wenn es ihnen erklärt wird, verstandesmäßig noch nicht erfassen. "Was das Kind nicht verstehen kann, deutet es auf seine Weise. Dabei nimmt es seine Phantasie zu Hilfe und schafft sich eine eigene Welt, die es verstehen und in der es erfolgreich handeln kann." (Finger 2005, S.21)  In dieser Welt fließen Phantasie und Wirklichkeit ineinander, Erlebtes und Erdachtes vermischen sich. Wissenslücken werden mit phantastischen, teils auch magischen Erklärungen gefüllt.

Zum magischen Denken der Kinder gehört, dass sie alles, was passiert, auf sich beziehen. Sie sehen sich im Mittelpunkt der Welt und glauben, alles beeinflussen zu können. Sie sagen zum Beispiel: "Der Himmel ist so blau, weil ich ein blaues Kleid trage." oder "Der Mond läuft immer hinter mir her." Sie glauben an die Kraft ihrer Gedanken und Wünsche und sind sich sicher, dass diese Wünsche Wirklichkeit werden, wenn sie es nur intensiv genug wünschen.

Auch weil sie noch nicht an die Endgültigkeit des Todes glauben, möchten sie den Verstorbenen mit magischen Praktiken zurückholen. Dies gelingt ihnen nach ihrem Weltverständnis, wenn sie etwas "ganz doll wünschen" und sich zusätzlich noch etwas Schwieriges abverlangen wie zum Beispiel eine Mutprobe oder der Verzicht auf Schokolade.

Zu den magischen Vorstellungen gehört auch, dass Kinder eine ganz besondere Verbindung zwischen sich und den Toten herstellen. Der fünfjährige Ingo zum Beispiel glaubt, ihm könne nichts passieren, weil sein toter Vater aus dem Himmel herabschaut und aufpasst, dass er nicht von einem Auto überfahren wird. Der Vater sieht zwar alles, aber wenn Ingo einmal böse ist, hat der Vater gerade weggeguckt. Das weiß Ingo ganz genau.

Der Glaube an die eigenen magischen Kräfte hilft Kindern gegen das Gefühl des Ausgeliefertseins und der Ohnmacht. Er kann aber auch gefährlich werden.

Tritt etwas Schlimmes ein, was für die Kinder unverständlich ist und sie gefühlsmäßig belastet, so versuchen sie, das Erlebte in ihr kindliches Weltbild einzuordnen. Oft glauben sie, das Schlimme selbst verursacht zu haben, da sie keine andere Erklärung finden.  Sie nehmen dann an, der Opa sei gestorben, weil sie böse auf ihn waren oder ihn weggewünscht haben. Das kann massive Schuldgefühle hervorrufen.

Da wir nicht immer wissen, was Kinder denken, sollten Vorschulkindern beim Tod eines nahen Angehörigen stets versichert werden, dass nichts, was sie gedacht oder getan haben, den Tod verursacht hat.

Der Tod trifft nur die anderen. Vorschulkinder wissen, dass alte Leute sterben, beziehen den Tod aber noch nicht auf sich. Hans sagt beim Besuch des Friedhofs: "Alle müssen sterben, nur ich nicht."

Erfahren Vorschulkinder, dass auch jüngere Menschen sterben, erklären sie es damit, dass diese böse waren. Für böse Menschen ist der Tod eine Strafe. Wer gut und lieb ist, braucht nicht zu sterben. "Gutsein ist Arznei gegen den Tod." (Bürgin 1978, S.53)
 

Grundschulkinder 6 bis 9 Jahre

Mit der Schulreife hat auch die intellektuelle Entwicklung der Kinder zugenommen. Die Kinder wissen jetzt, dass der Tod etwas ganz anderes ist als das Leben. Dennoch schwanken sie zwischen den Vorstellungen der Erwachsenen und der Vorschulkinder hin und her. Gerade in emotional belastenden Situationen greifen sie oft auf bekannte vorschulische Erklärungen zurück.

Sachliches, nüchternes Interesse am Tod. Grundschüler möchten vieles wissen und stellen den Erwachsenen oft unbequeme Fragen. Sie sind neugierig und haben noch nicht verinnerlicht, dass man bestimmte Fragen nicht stellt. Gerade Schulanfänger überraschen ihre Eltern mit Fragen wie: "Wann stirbst du?" oder sie sagen ihrer Großmutter: "Du bist so alt, du musst bald sterben."

Ihr Interesse gilt mehr den Äußerlichkeiten des Todes. Sie möchten etwas über Gräber wissen, über die Beerdigung, wie der Sarg geschlossen wird und wie tief ein Grab ist. Auf dem Friedhof lesen sie an fremden Grabsteinen die Namen der Verstorbenen und später rechnen sie auch aus, wie alt die Verstorbene geworden sind. Es beschäftigt sie auch, wie ein Toter aussieht.

Jörg wollte mit drei Jahren unbedingt einen Wolf sehen und drängte seine Eltern so lange, bis sie mit ihm in einen Zoo gingen. Mit sechs Jahren wollte er dann ein "Knochengerüst" sehen. Er ließ nicht locker, bis ein Museum besucht wurde, in dem er Moorleichen betrachten konnte. Jedes Mal trieb ihn ein ganz natürlicher Wissensdrang, aber auch eine gewisse Faszination.

Ängste vor unverstandenen Dingen. Zwar wissen Grundschulkinder einiges über den Tod, doch es bleibt ihnen immer noch vieles rätselhaft. Was passiert mit dem Körper? Kann ein Toter noch fühlen? Manche Grundschulkinder glauben, dass der Tote noch vieles erlebt. Sie befürchten, dass er im Sarg keine Luft mehr bekommt oder warten darauf, dass er an den Sargdeckel klopft, um wieder herausgelassen zu werden.

Auch das magische Denken der Vorschulkinder ist noch nicht ganz überwunden. Immer dann, wenn sie nicht weiterwissen, greifen sie auf magische Vorstellungen zurück.

Das eigene Sterben wird teils ausgeklammert, teils gesehen. Grundschulkinder wissen jetzt von ihrem Verstand her, dass der Tod endgültig ist und dass Tote nie mehr wiederkommen. Es ist ihnen auch klar, dass alle Lebewesen sterben müssen, "...trotzdem denken sie vielleicht, dass dieses gerade ihnen nicht passieren kann." (Grollman 1991, S.37) Das neue Wissen wird sachlich aufgenommen, aber noch nicht gefühlsmäßig verarbeitet.
 
Erst bei achtjährigen Kindern kommt es zu einer Wende. Nun wissen sie, dass auch sie einmal sterben müssen und jederzeit sterben können. Barbara Bronnen (1996, S.13) hat mit acht Jahren ihr erstes Tagebuch bekommen. Auf einer Seite steht immer wieder der Satz: "Ich muss sterben. Ich muss sterben. Ich muss sterben." Es fehlen aber weitere Stellungnahmen.

Durch das Wissen um die eigene Sterblichkeit verschieben sich die Gefühle. Der Tod kann jetzt auch Ängste und Besorgnis auslösen. Die Ängste beziehen sich aber vorwiegend auf den Tod der Eltern, sind also Ängste vor dem  Verlassenwerden. Ängste vor dem eigenen Sterben sind eher Ängste vor Gewalteinwirkungen, zum Beispiel davor, erschossen zu werden.

Der Wunsch zu erschießen. Die in dieser Alterstufe beliebten Cowboy- und Gangsterspiele, bei denen die Feinde erschossen werden, zeigen das Bedürfnis nach Macht und Stärke. Es kann aber auch eine Angst vor dem Getötetwerden ausdrücken. Das Kind versucht, diese Ängste zu überwinden, indem es in die Rolle des Angreifers schlüpft, sich aggressiv verhält und selber tötet.
 

Schulkinder 9 bis 12 Jahre

In diesem Alter nähern sich die Todesvorstellungen des Kindes denjenigen der Erwachsenen an. Es weiß jetzt, dass der Tod endgültig und unausweichbar ist und dass mit dem Tod alle Körperfunktionen aufhören. Die Einstellung des Kindes zum Tod schwankt zwischen sachlichem, nüchternen Interesse und diffusen Ängsten.

Sachliche Einstellungen. Während Grundschulkinder sich mit Särgen und Gräbern beschäftigen, interessieren sich ältere Kinder für die biologischen Vorgänge des Todes. Sie möchten wissen, wie der Tod eintritt, wie sich der Körper des Toten verändert und was bei der Verwesung geschieht. Sie machen sich auch Gedanken über die Loslösung der Seele vom Körper.
 
Jamaica Kincaid beschreibt in ihrem Roman "Annie John" (1986), wie die zehnjährige Annie immer wieder heimlich in fremde Trauerhäuser geht, sich unter die Trauernden mischt, um die Gelegenheit zu haben, einen Toten zu sehen. Sie will unbedingt wissen, wie Tote aussehen und wie sie sich von Lebenden unterscheiden.

Gruselgeschichten und Witze über den Tod. Der Tod wird nicht nur wissenschaftlich und nüchtern betrachtet. Weil er etwas ganz anderes ist als das Leben, welches die Kinder kennen, ist er auch unheimlich. Ihre Faszination durch das Unheimliche verpacken Schulkinder gerne in Gruselgeschichten. Sie erzählen sich, was um zwölf Uhr nachts alles auf dem Friedhof passiert und phantasieren, was Scheintote erleben, wenn sie plötzlich im Sarg aufwachen. "Zehn- und elfjährige Kinder spotten sogar über den Tod und reißen dumme Witze wie: "Kommt ein Skelett zum Zahnarzt. Sagt der Zahnarzt: 'Die Zähne sind prima in Ordnung. Aber das Zahnfleisch...'" (Unverzagt 2008, S.94)

Mit ihren Witzen und Gruselgeschichten gehen Kinder gefühlsmäßig auf Abstand. Das brauchen sie vielleicht gerade jetzt, weil sie jetzt zum ersten Mal sowohl verstandesmäßig als auch gefühlsmäßig wissen, dass auch sie sterben müssen und vielleicht schon bald sterben könnten.
 

Jugendliche

Rein verstandesmäßig haben Jugendliche die gleichen Todesvorstellungen wie Erwachsene. Doch über ihr Trauerverhalten ist wenig bekannt, und es ist kaum erforscht, da Jugendliche ihre Gefühle nicht zeigen und glauben, mit allem allein fertig werden zu müssen. "Sie versuchen mühsam den Eindruck zu erwecken, sie hätten alles unter Kontrolle und die Veränderungen erschütterten sie nicht wesentlich". (Bonse 2008, S. 417)

Einstellung zum Tod zwischen "Angst" und "Nichts". Erika Fischer (1987) hat Schülerinnen und Schüler zwischen vierzehn und sechzehn Jahren mit einem Satzergänzungs-Fragebogen über ihre Einstellung zum Tod befragt. Bei der Frage: "Wenn ich an den Tod denke, fühle ich..." geben zwei Drittel der Jugendlichen negative, bedrückte Gefühle an, wie zum Beispiel Angst, Traurigkeit, Einsamkeit und Ungewissheit. Die Angst überwiegt bei allen Gefühlen, es ist die häufigste Regung überhaupt. An zweiter Stelle wird als Antwort "nichts" genannt. Erika Fischer fragt sich, ob hinter dem "nichts" eine heimliche Angst verborgen ist, die die Jugendlichen aber leugnen. Ich vermute auch, dass hinter dem "nichts" eine gewisse Sprachlosigkeit und Scheu steckt, Gefühle zu äußern.

Sprach- und Hilflosigkeit. In der Pubertät wird das Leben schwieriger. Die Jugendlichen sind meist mit ihrer sich wandelnden äußeren Erscheinung unzufrieden, sie werden von ihren Gefühlen überschwemmt, sind leicht irritierbar und wissen nicht, wie sie ihr Leben gestalten sollen.
 
Trennung, Loslösung, Abschied-Nehmen sind die Themen und Aufgaben dieser Altersgruppe. Auch Ängste und die Beschäftigung mit dem Tod gehören dazu. Doch davon spricht man nicht, schon gar nicht mit Erwachsenen. Wie sollen Jugendliche auch sagen, was sie empfinden, wenn sie sich selbst nicht wiederkennen. Viele Gefühle sind ihnen neu und ungewohnt und schwer mitteilbar.

Trauer zuzulassen fällt Jugendlichen schwer. Es passt nicht zu dem Bild, das sie gerne von sich hätten. Sie möchten "Spaß haben", "gut drauf sein", "locker sein". Sie möchten "cool" sein und sind doch so verletzlich. Hinter einem Schutzwall von Kälte, Ironie und Rauheit verbergen sie ihre Ängste. Weinen und Traurigkeit können sie besonders schwer aushalten. Diese Gefühle erinnern an Schwäche und Verletzbarkeit. So möchten sie sich weder den Eltern und schon gar nicht den Gleichaltrigen zeigen. Über Liebeskummer können sie schon mit Freunden reden, aber nicht über den Tod des Vaters. Da lenken die Freunde eher ab, denn sie wissen nicht, wie sie reagieren sollen. Mädchen haben es in dieser Zeit besser, da zu ihrem Rollenverständnis auch das gemeinsame Sich-Anvertrauen gehört.

Die Entwicklungsaufgabe wird durchkreuzt. Eine Aufgabe des Jugendalters ist die Abgrenzung von den Eltern und der Aufbau einer eigenen Identität. Jugendliche müssen sich an ihren Eltern "reiben", um sich selbst zu finden. Stirbt ein Elternteil in dieser Zeit, kann der bevorstehende Entwicklungsschritt nicht von dem Jugendlichen selbst geleistet werden, sondern er wird "durch äußere Umstände plötzlich und radikal erzwungen". (Bonse 2008, S.416)

Oft kann nach einem Tod die Loslösung von den Eltern nicht mehr gelebt werden, weil sich der Jugendliche für den zurückgebliebenen Elternteil oder für die Geschwister verantwortlich fühlt. Es wird ihm unmöglich, das Elternhaus zu verlassen und eine eigene Exisatenz aufzubauen.

Selbstmord als zweithäufigste Todesursache. Nach dem Unfalltod steht Selbstmord als Todesursache in der Altersgruppe der Sechzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen inzwischen an zweiter Stelle. Dies bedeutet, dass mehr Jugendliche aus eigenem Willen sterben als durch irgendeine Krankheit.

Selbstmordgedanken sind Jugendlichen nicht fremd. Vor einigen Jahren wurden Jugendliche aufgefordert, ein sie selbst betreffendes Hörspiel für den Süddeutschen Rundfunk zu schreiben. Ein Drittel der Fünfzehn- bis Neunzehnjährigen behandelten in ihrem Stück das Thema Selbstmord. (Harder 1991, S.32)

Die Gründe für eine Selbsttötung sind vielfältig und nicht immer klar zu erkennen. Sie können eine lange Geschichte haben. Der Auslöser oder der Anlass ist oft leichter zu benennen. So wird von Liebeskummer oder schlechten Schulleistungen gesprochen. Doch dahinter stecken oft viele schwer mitteilbare Gefühle wie Selbstunsicherheit, Einsamkeit, Lebensangst, "Weltschmerz", Aggressionen und Vergeltungsphantasien. Viele Selbstmorde sind als ein Hilferuf nach Zuwendung und Aufmerksamkeit zu verstehen.

Manchmal sterben auch Jugendliche, weil sie das Leben zu sehr herausgefordert haben. Ihre Selbstwertproblematik, der Wunsch, sich neu und anders zu erfahren, der Hunger nach Reizen und Erlebnissen, lässt sie Grenzerfahrungen suchen. Das Risiko beim Bungee-Springen, bei Extremsportarten oder Wettrennen auf der Autobahn wird zu einer prickelnden Situation, zu einem intensiven Erleben, mit dem sie Selbstzweifel und das Gefühl der Sinnlosigkeit verdecken. Das "Spiel mit dem Tod" gibt ihnen selbst einen "Kick" und provoziert die Umgebung.
 

Literatur:

Bonse, Hildegard: "... als ob nichts passiert wäre." Eine empirische Untersuchung über die Erfahrungen trauernder Jugendlicher und Möglichkeiten ihrer Begleitung durch die Schule. Ostfildern 2008

Bronnen, Barbara: Die Stadt der Tagebücher. Vom Festhalten des Lebens durch Schreiben. Frankfurt a.M. 1996

Bürgin, Dieter: Das Kind, die lebensbedrohende Krankheit und der Tod. Bern 1978

Finger, Gertraud: Brauchen Kinder Ängste? Wie Kinder an ihren Ängsten wachsen. Stuttgart 2005

Finger, Gertraud: Wie Kinder trauern. So können Eltern die Selbstheilungskräfte ihrer Kinder fördern. Stuttgart 2008

Fischer, Erika: Todesvorstellungen von Jugendlichen. Regensburg 1987

Grollmann, Earl A.: Mit Kindern über den Tod sprechen. Konstanz 1991

Harder, Gabriela Maria: Sterben und Tod eines Geschwisters. Zürich 1991

Kincaid, Jamaica: Annie John. 1986

Unverzagt, Gerlinde: Erzähl mir was vom Sterben. Mit Kindern über den Tod sprechen. Stuttgart 2008
 


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